Von Birgit Wagner, Gründerin von Natur Franz
Es gibt Mails, bei denen wird es in einem kleinen Onlineshop für einen Moment still. Nicht, weil eine wichtige Bestellung eingegangen ist. Nicht, weil sich ein Kunde beschwert. Sondern weil wieder eine neue Anforderung auf dem Tisch liegt: ein weiterer Vertrag, eine Registrierung, eine Meldung, eine Frist, ein System, eine Zuständigkeit.
Genau so fühlt sich für viele kleine E-Commerce-Unternehmen das Thema Verpackungsrecht an. Und wir möchten an dieser Stelle etwas sagen, das viele vermutlich denken, aber selten laut aussprechen: Wir können jeden Kollegen und jede Kollegin verstehen, die irgendwann aufgibt und ein Land aus dem Shop entfernt. Nicht, weil ihnen ihre Kundinnen und Kunden egal wären. Sondern weil ein kleiner Betrieb nicht dieselben Menschen, Abteilungen und Budgets hat wie ein Konzern.
Auch Natur Franz ist kein anonymer Großkonzern. Hinter jeder Mischung, jedem Paket und jeder Nachricht stehen Menschen, die Verantwortung übernehmen. Für Zutaten. Für Qualität. Für das, was wir versenden. Und inzwischen eben auch für immer mehr Verpackungs- und Verwaltungsprozesse.
Was bedeutet die PPWR für kleine Onlineshops, die nach Österreich liefern?
Die EU-Verpackungsverordnung PPWR schafft schrittweise einen einheitlicheren Rahmen für Verpackungen in Europa. Für kleine Onlineshops bedeutet sie vor allem: Verpackungen müssen künftig noch bewusster ausgewählt, dokumentiert und kreislauffähig gestaltet werden. Wer nach Österreich an Privatkunden liefert, trägt zusätzlich bereits seit 2023 nationale Pflichten wie Bevollmächtigung, Systembeteiligung und Mengenmeldungen.
Das war die sachliche Kurzfassung. Aber sie beschreibt nur einen Teil dessen, was die Regelungen im Alltag kleiner Unternehmen auslösen. Denn hinter Begriffen wie „Systembeteiligung“, „Bevollmächtigter“ oder „Mengenmeldung“ stecken keine abstrakten Kästchen in einer Präsentation. Dahinter stecken Arbeitsstunden, Entscheidungen, Verträge, laufende Kosten – und die Sorge, in einem komplizierten System etwas zu übersehen.
„Nachhaltigkeit darf kein Privileg für Unternehmen mit eigener Rechtsabteilung sein. Wir finden den Gedanken richtig, Verpackung verantwortungsvoller zu machen. Aber wir dürfen dabei nicht vergessen: Kleine Marken tragen diese Verantwortung mit echten Menschen, echten Arbeitsstunden und begrenzten Ressourcen. Unsere österreichischen Kundinnen und Kunden lassen wir deshalb nicht im Stich.“
Ein gutes Ziel – und eine Realität, die kleine Betriebe trifft
Die Idee hinter der neuen europäischen Verpackungsverordnung ist richtig. Verpackungen verbrauchen Rohstoffe, verursachen Abfall und müssen besser wiederverwendbar oder verwertbar werden. Die PPWR – die europäische Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle – will genau hier ansetzen: weniger unnötige Verpackung, besseres Recycling, klarere Anforderungen und langfristig einheitlichere Regeln im europäischen Binnenmarkt.
Wir wollen an dieser Stelle keinen Kulturkampf gegen Umweltregeln führen. Im Gegenteil: Wer mit natürlichen Zutaten arbeitet, bewusst auswählt und so wenig unnötigen Ballast wie möglich in seine Produkte lässt, kann schwerlich gegen die Idee sein, Ressourcen zu schonen. Es wäre unglaubwürdig, bei Kurkuma, Ingwer oder Ashwagandha auf Herkunft und Reinheit zu achten – und bei Verpackungen jede Verantwortung von sich zu weisen.
Unser Problem ist nicht das Ziel. Unser Problem ist der Weg dorthin. Denn ein Gesetz kann sinnvoll sein und sich trotzdem im Alltag unverhältnismäßig anfühlen. Besonders dann, wenn eine kleine Manufaktur, ein Ein-Personen-Shop oder ein Familienunternehmen ähnliche administrative Ketten stemmen muss wie ein internationaler Händler mit Compliance-Team.
Österreich: Warum der Versand schon heute mehr bedeutet als ein Paketlabel
Viele Menschen denken beim Versand nach Österreich zuerst an eine Adresse, ein Versandetikett und eine etwas längere Lieferzeit. Für einen kleinen deutschen Onlineshop ist es jedoch deutlich mehr. Wer verpackte Waren direkt an private Kundinnen und Kunden in Österreich verkauft, muss sich schon seit 2023 mit österreichischen Verpackungspflichten auseinandersetzen.
Im Kern geht es darum, dass Verpackungen nicht einfach beim Empfänger landen und anschließend niemand für ihre Sammlung und Verwertung verantwortlich ist. Dafür braucht es in Österreich bei B2C-Fernabsatz aus dem Ausland in der Regel einen bevollmächtigten Vertreter mit Sitz in Österreich. Hinzu kommen die Teilnahme an einem Sammel- und Verwertungssystem, die Erfassung der Verpackungsmengen sowie wiederkehrende Meldungen und Nachweise.
| Was Kundinnen und Kunden sehen | Was ein kleiner Shop im Hintergrund organisieren muss |
|---|---|
| Ein Paket kommt zuverlässig in Österreich an. | Verpackungen müssen rechtlich korrekt zugeordnet, lizenziert und dokumentiert werden. |
| Karton, Füllmaterial und Produktverpackung schützen die Bestellung. | Materialarten und Mengen müssen nachvollziehbar erfasst und gemeldet werden. |
| Der Kunde bezahlt einen klaren Preis. | Im Hintergrund entstehen Vertrags-, Lizenz-, Prüf- und Verwaltungsaufwände. |
| Das Paket wirkt wie eine Selbstverständlichkeit. | Für kleine Teams ist jeder zusätzliche Prozess eine Entscheidung gegen Zeit für Produkt, Kundenservice und Entwicklung. |
Das ist nicht als Jammern gemeint. Es ist eine Einladung, die Realität hinter dem Paket zu sehen. Große Unternehmen verteilen diese Aufgaben auf Rechtsabteilung, Nachhaltigkeitsmanagement, Einkauf, Controlling und Logistik. Kleine Unternehmen verteilen sie oft auf dieselben zwei Hände, die morgens Rohstoffe prüfen, mittags Kundennachrichten beantworten und abends noch Rechnungen kontrollieren.
Warum manche Shops Österreich aus dem Sortiment nehmen
Wenn du heute liest, dass ein kleiner Shop nicht mehr nach Österreich liefert, steckt dahinter selten Gleichgültigkeit. Häufig ist es eine wirtschaftliche Notbremse. Die zusätzlichen Anforderungen sind für kleine Mengen nicht automatisch klein. Ein Vertrag, eine Registrierung oder eine Meldelogik kostet nicht nur dann Zeit, wenn viele Tausend Pakete versendet werden. Sie kostet auch dann Zeit, wenn es zehn, fünfzig oder hundert Sendungen sind.
Genau hier entsteht die Frustration vieler E-Commerce-Kolleginnen und -Kollegen: Das Ziel einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft wird bejaht. Aber die Umsetzung trifft nicht alle gleich. Je kleiner das Unternehmen, desto stärker schlägt jeder fixe Aufwand ins Verhältnis. Eine zusätzliche Pflicht ist für einen Konzern vielleicht ein neuer Prozess. Für eine kleine Marke kann sie zur Frage werden, ob ein gesamter Markt überhaupt noch bedient werden kann.
Wenn sich Unternehmen dann zurückziehen, verlieren am Ende alle etwas. Kundinnen und Kunden verlieren Auswahl und kleine Lieblingsmarken. Kleine Hersteller verlieren Reichweite und Planungssicherheit. Und Europa verliert genau die Vielfalt, die es eigentlich schützen und stärken sollte: handwerkliche Marken, regionale Ideen, mutige Gründerinnen und Gründer, Produkte mit Haltung.
Die PPWR macht das Thema sichtbarer – aber nicht einfacher über Nacht
Die PPWR ist am 11. Februar 2025 in Kraft getreten und gilt grundsätzlich schrittweise ab dem 12. August 2026. Sie betrifft Verpackungen unabhängig von Material und Herkunft. Manche Vorgaben greifen sofort, andere werden erst in den kommenden Jahren konkret relevant. Viele weitergehende Anforderungen – etwa zu Recyclingfähigkeit, Rezyklatanteilen oder bestimmten Vermeidungs- und Wiederverwendungszielen – werden stufenweise folgen.
Das ist wichtig, weil in der öffentlichen Debatte oft alles in einen Topf geworfen wird. Nicht jede Pflicht beim Versand nach Österreich entsteht erst durch die PPWR. Die österreichische Bevollmächtigtenpflicht für ausländische B2C-Versandhändler existiert bereits seit 2023. Die PPWR bildet den neuen europäischen Rahmen, der Verpackungsregeln künftig stärker harmonisieren soll. Für einen kleinen Shop fühlt sich beides dennoch wie eine wachsende Welle von Verantwortung an.
Wir wünschen uns deshalb nicht weniger Umweltbewusstsein. Wir wünschen uns Regeln, die Umweltziele und die Realität kleiner Unternehmen gleichzeitig ernst nehmen: verständlich, digital umsetzbar, über Ländergrenzen hinweg nachvollziehbar und ohne die Erwartung, dass jede kleine Marke nebenbei zur eigenen Rechtsabteilung wird.
Warum Natur Franz Österreich trotzdem nicht im Stich lässt
Wir haben uns bewusst entschieden, weiter nach Österreich zu liefern. Nicht, weil es für uns einfacher wäre. Sondern weil die Verbindung zu unseren österreichischen Kundinnen und Kunden für uns mehr ist als eine Zahl im Shop-Backend.
Viele von euch begleiten Natur Franz schon lange. Ihr habt unsere Produkte ausprobiert, uns geschrieben, empfohlen, Fragen gestellt und mit ehrlichem Feedback geholfen, besser zu werden. Andere entdecken uns vielleicht erst morgen. Für uns macht es keinen Unterschied: Gute, ehrliche Produkte für einen bewussten Alltag sollten nicht an einer Grenze und auch nicht an einem bürokratischen Dickicht scheitern.
Wir machen daraus keine Heldengeschichte. Wir wissen, dass wir nicht die einzigen sind, die sich durch diese Anforderungen arbeiten. Im Gegenteil: Dieser Artikel ist auch ein Zeichen der Solidarität mit all den kleinen Shops, die gerade rechnen, recherchieren, verzweifeln und entscheiden müssen. Wir sehen euch. Wir verstehen euch. Und wir urteilen nicht über jeden, der an diesem Punkt eine Grenze zieht.
Unsere Entscheidung für Österreich ist deshalb kein „trotzdem“ im Sinne von blindem Durchhalten. Sie ist ein bewusstes „trotzdem“, weil wir an Beziehungen glauben. Weil wir Verantwortung nicht nur dann übernehmen wollen, wenn sie bequem ist. Und weil wir überzeugt sind, dass eine nachhaltige Zukunft nicht ohne kleine Unternehmen funktioniert – sondern nur mit ihnen.
Was wir daraus mitnehmen: Verantwortung muss machbar bleiben
Die Verpackung eines Produkts ist nicht nebensächlich. Sie schützt Zutaten, erhält Qualität und soll am Ende möglichst gut in den Kreislauf zurückfinden. Das ist richtig. Aber Verantwortung darf nicht bedeuten, dass nur die größten Unternehmen die Kraft haben, sie dauerhaft zu tragen.
Unser Anspruch bei Natur Franz bleibt deshalb derselbe: Wir wollen transparent sein. Bei dem, was in unseren Mischungen steckt. Bei der Herkunft unserer Zutaten. Und auch bei den Herausforderungen, die hinter einem Paket stehen. Wir werden nicht behaupten, dass Bürokratie plötzlich Freude macht. Aber wir können entscheiden, wie wir damit umgehen: ehrlich, sorgfältig und mit Blick auf die Menschen, für die wir unsere Arbeit machen.
Für unsere österreichischen Kundinnen und Kunden heißt das: Wir bleiben da. Für unsere Kolleginnen und Kollegen im E-Commerce heißt das: Ihr seid nicht allein mit dem Gefühl, dass es manchmal zu viel wird. Und für die Politik heißt es hoffentlich: Nachhaltige Regeln brauchen kleine Unternehmen nicht als Kollateralschaden, sondern als Partner.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag beschreibt unsere persönliche Erfahrung und ordnet die PPWR sowie österreichische Verpackungspflichten allgemein ein. Er ersetzt keine individuelle Rechtsberatung. Bei konkreten Pflichten solltest du dich an deinen Verpackungssystem-Partner oder qualifizierte Fachberatung wenden.

